Bad Segeberg kultourt

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Eine Gemeinschaftsaktion der Kulturschaffenden und Veranstalter Bad Segebergs
Koordiniert von Kulturkontor und SZ Segeberger Zeitung.

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Di 6. September 2022
LINSE Filmkunst:
In den besten Händen

Drama
Regie: Catherine Corsini
mit: Valeria Bruni Tedeschi (Raphaëlle Catania) · Aissatou Diallo Sagna (Kim) · Marina Foïs (Julie Bataille) · Pio Marmaï (Yann Caron) · Jean-Louis Coulloc'h (Laurent Maillard)
Frankreich 2021 | 99 Minuten | ab 12

CinePlanet5, Oldesloer Straße 34

Ein Comiczeichnerin aus Paris landet nach einem Streit mit ihrer Partnerin in einem bestreikten Krankenhaus, wo sich im Frühjahr 2019 auch „Gelbwesten“-Demonstranten versammeln, die bei den gewaltsamen Protesten gegen Macrons Sozialpolitik verletzt wurden. Die vibrierend dicht inszenierte Mischung aus schwarzhumoriger Beziehungskomödie und engagiertem Sozialdrama erhebt das Krankenhaus zum metaphorischen Protagonisten, verliert über der Lust am Plakativen aber mitunter die Übersicht. Der allzu thesenhafte Film tendiert dazu, die Figuren auf Karikaturen eines Kammerspiels über altbekannte Ressentiments zu reduzieren und gelangt damit kaum über die Illustration untragbarer Verhältnisse hinaus.

Langkritik:

Einmal sagt die Comiczeichnerin Raphaëlle (Valeria Bruni Tedeschi) den lustigen Satz: „Ich habe ein Knie am Ellenbogen“, doch das ist (außer in der Kunst) unmöglich und deshalb nur eine Metapher. Zudem ist es nicht lustig, denn es beschreibt einen übel aussehenden Knochenbruch. In der rasanten Krankenhaus-Farce „In den besten Händen“ (im französischen Original: „La Fracture“) von Catherine Corsini ist eines verschoben und befindet sich nicht mehr dort, wo es eigentlich hingehört. Die Kräfte, die daran mitgewirkt haben, sind dieselben, die eine Gesellschaft auseinanderbrechen lassen.

Doch im Gegensatz zum Knochenbruch ist ein Zivilisationsbruch oft erst dann zu erkennen, wenn es zu spät ist. Das bildgebende Verfahren für die vorher sich subtil abzeichnenden Risse ist das Kino. In „In den besten Händen“, einem Hybrid aus schwarzhumoriger Beziehungskomödie und Sozialdrama, pfercht die französische Regisseurin das Chirurgische eines Bruchs und die Spaltung der Gesellschaft mit viel Lust am Plakativen in die Notaufnahme eines bestreikten Pariser Krankenhauses zusammen, als die Gelbwesten-Proteste im Frühjahr 2019 eskalieren. Blutende Demonstranten müssen laut Aushang „acht bis zehn Stunden – Danke für Ihr Verständnis“ auf ihre Versorgung warten, eine Liebe geht in die Brüche, Arbeitsethos und Egomanie, Nüchternheit und Wahnsinn prallen aufeinander. Und nicht zuletzt auch die sozialen Schichten.

Mit kichernder Verzweiflung

Auszuhalten ist das alles womöglich nur im medikamentös zugedröhnten Zustand, wie im Falle der von Valeria Bruni Tedeschi mit kichernder Verzweiflung gespielten Grafikerin Raf. Dass ihre Freundin Julie (Marina Foïs) gleich zu Beginn des Films den Bruch in Gestalt einer Trennung ausspricht, ist nur allzu nachvollziehbar, bombardiert Raf die Schlafende doch am Abend zuvor mit einer Flut beleidigender Textnachrichten. Mit der schön absurden Bemerkung „Ich musste reden“ rechtfertigt sie sich kleinlaut am nächsten Morgen. Reden sei aber etwas anderes, kontert Julie und bekundet ihren Entschluss, aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen.

So könnte eine hübsche französische Liebeskomödie ihren Lauf nehmen, doch in die wird jäh hineingegrätscht, als Raf ihrer Geliebten nachläuft, auf dem Straßenpflaster ausrutscht und sich den Ellenbogen bricht. Parallel sieht man den LKW-Fahrer Yann (Pio Marmaï) zuerst fröhlich „Oh, Champs-Elysées!“ in seinem Führerhaus krähen, dann mit gelber Warnweste an den Protesten gegen die Politik von Emmanuel Macron teilnehmen, bis er mit zerschossenem Bein am Boden liegt. Corsini steckt den „einfachen Mann“ und die „gebildete Mittelschichtsfrau“ wie in einem Labor zu vielen anderen in die Notaufnahme. Dort ist die Personaldecke so ausgedünnt wie die Nervenkostüme der Anwesenden. Einzig die Krankenschwester Kim (gespielt von der Laiendarstellerin Aissatou Diallo Sagna) verkörpert mit Charisma und Ruhe das Idealbild einer guten Seele, stellvertretend für all jene, die trotz der Zumutungen an ihrer Menschenliebe festhalten, und das, obwohl sie ihr eigenes krankes Kind im Auge behalten und tausend andere Dinge gleichzeitig bewerkstelligen muss. Auch sie hat einen Bruch beschlossen: mit ihrem Arbeitgeber, der sie gesetzeswidrig sechs Nachtschichten hintereinander schuften lässt.

Allzu sehr übers Knie gebrochen

Julie, eine in ihrer gleichbleibend mürrischen Art seltsam uninteressante Figur, steht ihrer Ex-Freundin distanziert bei und macht sich in der Notaufnahme nützlich, offenbar um ein Beispiel dafür zu geben, dass auch Verlegerinnen mit einer Altbauwohnung sich die Finger schmutzig machen können. Die von Julie verkörperte Minimal-Solidarität geht so: Wenn schon alles zum Kotzen ist, dann kann man einander immerhin noch die Spucknäpfe reichen.

Obwohl seine Figur Mitgefühl erheischen soll, erscheint Yann, der ähnlich wie der Film bereits alles über seine Mitmenschen zu wissen glaubt, eher wie eine von Raf gezeichnete Comicfigur; tatsächlich erkennt er sich in einer ihrer notgedrungen mit links angefertigten Zeichnungen. Seine während seiner Wutausbrüche ständig weit aufgerissenen Augen und sein zwischen Selbstüberschätzung und Selbstmitleid schwankendes Gekeife erzielen eher Überdruss als Mitgefühl. Dass er vor lauter Angst, seinen Job zu verlieren, nicht anders kann, als mit kaputtem Bein aus dem Krankenhaus zu humpeln und sich ans Steuer seines LKW zu setzen, wodurch er andere gefährdet, wirkt weniger rührend als sehr übers Knie gebrochen.

In diesem Mikrokosmos der Egomanen ist nicht zu erwarten, dass alle Menschen Verständnis füreinander entwickeln. Zugleich aber werden sie mit Attributen behängt, die allzu offensichtlich Mitleid, Sympathie oder Antipathie erwecken sollen, sich aber mit einem „schon schlimm“-Seufzer abhaken lassen.

Was in Frankreich alles schiefläuft

Catherine Corsini knöpft sich in ihren Filmen immer wieder die gesellschaftlichen Schranken vor, die Liebe und Mitgefühl verhindern oder erst erzeugen, etwa in den Liebesdramen „La belle saison – Eine Sommerliebe“ (2015) oder „Die Affäre“ (2009). In „In den besten Händen“ geht sie das große Ganze an: „Ich wollte die Idee einer menschenwürdigen und demokratischen Gesellschaft der Zukunft sichtbar machen, die auf gegenseitigem Respekt beruht.“ Diese wie ein Wahlspruch klingende Idee setzt sie vor allem ex negativo in Szene und führt in einer fast dokumentarischen Bildsprache vor, was in Frankreich unter Emmanuel Macron alles schiefläuft. Doch auch wenn die sozialen Schranken noch so folkloristisch bemüht werden, spielen sie in einem Moment, wo die medizinische Unterversorgung für Egalität sorgt, keine zentrale Rolle mehr.

Mit viel Gespür für Tempo und Atmosphäre erhebt Corsini deshalb das Krankenhaus selbst zum Protagonisten. Es erscheint wie ein kranker Organismus, von außen bedrängt, innen baufällig und berstend vor zu vielen Unruhigen und Verletzten. Und dann dringt auch noch Tränengas von den Straßen herein. Die Grenze zwischen Innen und Außen wird porös. Das gilt für die einzelnen Körper wie für das Haus, das ein Schutzraum sein sollte, so wie es ja auch der Staat verspricht, einer zu sein.

Wie in einem Krieg

Doch Corsini traut ihrer eigenen Metaphorik nicht. Als ein schweres Kabel mit lautem Krach von der Decke stürzt, sagt jemand, dass er den Techniker hole. Man könnte als Zuschauerin durchaus selbst auf die Idee kommen, dass dies ein Bild für das zusammenbrechende Gesundheitssystem ist. Sicherheitshalber aber spottet einer der Patienten: „Den Techniker? Das Gesundheitssystem stürzt ein!“

Wie sehr der Film am Parabelhaften festhält, zeigt auch der Umstand, dass zwar unter hohen Sicherheitsauflagen während des Lockdowns gedreht wurde, die Pandemie hier aber (noch) keine Rolle spielt. Die Zustände auf der Intensivstation wirken allerdings „wie“ unter Corona. Die katastrophalen Verhältnisse mögen inzwischen noch deutlicher zum Vorschein gekommen sein, doch sie zeichneten sich schon lange vor der Pandemie ab. „In den besten Händen“ wirkt dadurch veraltet und zeitlos zugleich. Und beklemmend gegenwärtig: Immer wieder sagen Figuren, es sei „wie im Krieg“. Allen ist die Furcht vor dem Moment ins Gesicht geschrieben, in dem es kein Wie mehr gibt.

Cosima Lutz, FILMDIENST

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